Vermehrung von Obstgehölzen

Oder warum da ein Knick im Stamm ist

Jeder Mensch, der sich für Pflanzen interessiert, hat früher oder später bereits einmal etwas vermehrt.
Vermutlich durch entweder die Aussaat von Samen, oder durch Stecklinge und Wurzelausläufer.
Das funktioniert bei vielen Pflanzen auch ganz wunderbar – bei Obstgehölzen in der Regel leider nicht. Zumindest nicht in der Form, wie wir uns das so vorstellen.
Man kann natürlich sehr wohl die Kerne eines Apfels aussäen und es wird auch ein Apfelbaum daraus entstehen – aber ist es dieser herrliche Apfel, der uns so gut geschmeckt hat?
Mit ganz viel Glück entdeckt man auf diese Art den neuen „Jahrhundert-Super-Apfel“, der alle Ansprüche befriedigt und sämtliche Pestizidprobleme auf einen Schlag löst….
Es ist aber doch entschieden wahrscheinlicher, dass das, was daraus entsteht, alles andere als eine Gaumenfreude ist.

Man kann natürlich auch einfach mal beim Nachbarn einen Trieb von dessen Apfelbaum schneiden und ihn in einen Topf pflanzen. Das Ergebnis (sofern es denn überhaupt eines gibt, weil die Stecklingsvermehrung von Obstgehölzen ausgesprochen tricky ist) wird aber auch eher nicht den Erwartungen entsprechen. Ganz zu schweigen davon, dass man sich mal gemütlich zurücklehnen und so etwa das nächste Jahrzehnt abwarten darf, bis der Baum überhaupt mal erste Früchte trägt.

Also auch keine befriedigende Lösung.
Woran liegt das? Erinnert ihr euch noch wage an die Schulzeit zurück? Biologie und die Mendelschen Regeln, eindrücklich demonstriert an den Beispielen von Erbsen, Geranien und Hunden?
Obstbäume sind hochgradig heterozygot, sprich mischerbig.
Sobald ich Kerne aussäe,  erhalte ich ein wildes Sammelsurium der unterschiedlichsten Ausprägungen, je nach den Anlagen der Elterngeneration.
Die einzig sinnvolle Möglichkeit, die Eigenschaften eines bestimmten Apfelbaumes zu erhalten, besteht in der vegetativen Vermehrung durch Veredelung.

Was versteht man unter einer Veredelung?

Grundsätzlich das Verbinden von zwei Pflanzenteilen zur unbegrenzt sortenreinen Multiplizierung erwünschter Merkmale und Steuerung selbiger.
Das bedeutet, man kann mittels Veredelung die genetischen Merkmale, den Genotyp, über Jahrhunderte hinweg erhalten. Das ist einer der wesentlichen Gründe, warum es heute noch alte Obstsorten gibt.
Darüber hinaus läßt sich mit der Wahl der Unterlage auch entscheidender Einfluss auf das Erscheinungsbild, den Phänotyp, ausüben, also z.B. Wuchskraft, Größe, Färbung, Baumgröße etc.

Wie funktioniert eine Veredelung?

Wie bereits erwähnt, besteht eine Veredelung immer mindestens aus zwei Teilen: der Unterlage und der Edelsorte.
Die Unterlage ist sozusagen der bewurzelte Fuß des späteren Bäumchens. Mit ihr lassen sich zahlreiche Dinge steuern oder zumindest beeinflussen, wie z.B. Wuchseigenschaften, Widerstandsfähigkeit gegen Krankheiten & co., Frucht- und Ertragsqualität, Frosthärte, Standfestigkeit und vieles mehr.
Darauf kommt die Edelsorte, also das genetische Material der Sorte, die ich gerne vermehren möchte.
Von Ananasrenette bis Zibärtle gibt es da keine Grenzen.
Darüber hinaus kann man natürlich noch „Feintuning“ betreiben durch z.B. Zwischenveredelungen etc, aber das würde hier zu weit führen.

Grob kann man in zwei saisonale Abschnitte einteilen: Sommer- und Winterveredelungen.

Sommerveredelungen von Obstgehölzen finden zumeist zwischen Mitte/ Ende Juli bis in den September hinein statt. Hierbei werden die im Frühjahr ausgepflanzten und aufgezogenen Unterlagen im Freiland veredelt mittels Okkulation oder Chip-Budding.
Winterveredelungen hingegen erfolgen ab der Winterruhe (also etwa Ende November) bis kurz vor dem Austrieb (April/Mai).

Der Sommer ist die Zeit der „Augenveredelungen„. Das heißt, von dem Edelreis (ein langer, gerader, 1jähriger Trieb, auch Wasserschoss genannt, der begehrten Sorte) wird ein Auge=Knospe entnommen und unter die Rinde der Unterlage gesetzt.
Habt ihr euch schon einmal gefragt, warum bei jungen Bäumchen in der Gärtnerei auf etwa 10-30 cm Höhe über der Wurzel so ein leichter Knick ist?
Genau – das ist die Veredelungsstelle, also der Übergang zwischen Unterlage und Edelsorte. Alles, was unter dem Knick so wächst, dürft ihr also getrost entsorgen. 😉

Der Winter hingegen ist die Zeit der „Holzveredelung„. Das bedeutet, von dem Edelreis werden ganze Stücke entnommen und mittels verschiedener Anschnitttechniken unter die Rinde der Unterlage gesetzt.

Wer nun aufmerksam gelesen hat, wird festgestellt haben, dass bei beiden Varianten „unter die Rinde“ offensichtlich eine große Rolle spielt.
Warum? Damit beide Komponenten zusammenwachsen können, brauchen wir eine bestimmte Zellschicht in der Pflanze, das sogenannte Kambium.

Als Kambium bezeichnet man das teilungsfähige Gewebe, das sich knapp unterhalb der Rinde befindet, und als einzige Schicht neues Gewebe bildet, im weiteren Sinne für den Nährstofftransport sorgt und aktive Wundheilung betreibt.
Ihr habt sicherlich alle schon einmal einen Baum gesehen, der mehr oder weniger große Überwallungen an Schnittstellen hat – das ist das Kallusgewebe, ausgelöst vom Kambium.
Genau diese Eigenschaft brauchen wir, um einen neuen Pflanzenteil anwachsen zu lassen.
Gerade die Winterveredelungen laden zum Experimentieren ein, und so ist es absolut möglich, auf einem bereits vorhanden, gesunden Baum 10 verschiedene Apfelsorten wachsen zu lassen.

Sobald die Veredelungen angewachsen sind, kommt die „Hege- und Pflegezeit“. Beim Austrieb im Frühjahr sollte man dann schon einigermaßen auf Zack sein mit Rückschnitt der Unterlage, Stäben, Hochbinden, vor Windbruch schützen, gegebenenfalls bewässern und dem jungen Trieb den besten Start zu geben, um ein kräftiger, gesunder Baum zu werden, der uns mit herrlichsten Früchten versorgt!
Selbiges gilt natürlich auch für die Winterveredelungen – schützen und pflegen ist das Zauberwort!

Auswahl des Veredelungsmaterials

Unterlagen bekommt man entweder in diversen, speziellen Unterlagenbaumschulen – oder aber man schaut mal bei bereits vorhanden Bäumen. Gibt es da Ausläufer? Wächst da was rechts und links nebendran?
Für Edelreiser kann man im Prinzip alles nehmen, was einem so an einjährigen Trieben vor die Schere kommt.
An der Stelle allerdings ein Wort der Vorsicht.
Wenn man Pflanzen vermehrt, geht damit immer auch ein Päckchen der Verantwortung einher.
Natürlich kann man einen Trieb von dem Baum des Nachbarn schneiden, der so unglaublich leckere Früchte hervorbringt.
Seid euch aber bewußt, dass dieser Baum durchaus virose oder bakterielle Erkrankungen haben kann wie z.B. Feuerbrand, Pseudomonas, Birnenverfall, Apfeltriebsucht oder Little Cherry.
Aus dem Reis, das ihr veredelt, zieht ihr möglicherweise 5-10 neue Bäume für eure Streuobstwiese, und damit ebenso diese Krankheiten.
Was für den Bio-Anbauer 300 m weiter möglicherweise existenzbedrohend ist.
Veredelung ist ein unglaublich spannendes und wunderbares Thema, aber man darf durchaus darüber nachdenken, was man da tut 😉 ;).

In diesem Sinne fröhliches Schnippeln!

Und wenn ihr Fragen habt, oder wissen möchtet, wie es geht, dürft ihr mich gern kontaktieren 🙂

susanne@highonraw.de
WhatsApp: 0151-58158630

 

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